Wie vertont man eine Shopping-Mall?

Electropop-Duo Tempers lässt sich von Stararchitekt Rem Koolhaas inspirieren

Sängerin Jasmine Golestaneh und Keyboarder Edward Cooper

Text und Interview Thomas CLAUSEN Fotos Sebastian Mlynarski

Das amerikanische Electropop-Duo Tempers hat sich auf seinem aktuellen Album von den Thesen des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas inspirieren lassen.

Wer dieser Tage das weltberühmte Kaufhaus des Westens in der Berliner Tauentzienstraße betritt, der dürfte hier und da einige Mühe haben, sich in den teils labyrinthisch verwinkelten Interims-Gängen zurecht zu finden. Seit knapp drei Jahren verleiht der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas dem 1907 gegründeten Shopping-Tempel ein gründliches Komplett-Make-Over, nach dessen Abschluss die momentane Luxus-Baustelle KaDeWe demnächst in ganz neuer Gloriole erstrahlen soll. Erfahrung mit derartiger Zweckeinrichtung hat der 74-Jährige reichlich: Mit seinen radikalen Entwürfen für die Kunststiftung der Pariser Galeries Lafayette, Prada-Stores in New York und Shanghai oder der Viktor & Rolf-Boutique in London hat Koolhaas die zeitgenössische Konsumarchitektur immer wieder neu gedacht, verändert, geprägt. Das New Yorker Electropop-Duo Tempers hat sich auf seinem aktuellen Konzeptalbum „Junkspace“ von Koolhaas’ gleichnamigem Essay über die Psychologie von Einkaufszentren, der Flucht in kommerzielle Parallelwelten und den neuen Herausforderungen im urbanen Raum inspirieren lassen. Ein Gespräch mit Sängerin Jasmine Golestaneh und Keyboarder Edward Cooper. 

 

Chapter  Wie entstand die Idee, sich thematisch mit Einkaufszentren und ihren Effekten auf die Gesellschaft und das Individuum zu beschäftigen?

Jasmine Golestaneh  Die Inspiration stammt von einer guten Freundin, die ein Interview mit Rem Koolhaas führte. Wir haben uns danach sehr intensiv mit seinem Essay Junkspace aus dem Jahr 2001 auseinandergesetzt. Sehr spannend fanden wir auch seine Ansichten in dem Buch The Generic City, in dem es um die Psychologie von zweckgebundener Architektur und kommerziellem Raum geht. 

Chapter Wie vertont man eine Shopping-Mall?

Edward Cooper  Große Einkaufszentren vereinen starke Gegensätze: Oberflächlich ist alles auf Genuss und Vergnügen ausgerichtet. Sobald man hinter die Fassade blickt, beinhalten diese Gebäude auch etwas sehr Düsteres, dessen Teil man selbst ist und dem man sich nicht entziehen kann. Es ging uns darum, das Konstrukt „Shopping-Mall“ in seine einzelnen Bestandteile zu zerlegen und einen Soundtrack zu komponieren, der die Atmosphäre dieser besonderen Orte transportiert.

Chapter Was haben Musik und Architektur gemeinsam?

Architektur kann unser Verhalten und unsere Gefühle steuern – ebenso wie die Musik. Sie nimmt uns mit in eine imaginäre Welt. Obwohl sich die Platte mit einer theoretischen Idee beschäftigt, ist sie doch sehr persönlich. Wir drücken eine Art von Leere und menschlicher Entfremdung aus, die sich besonders deutlich in Shopping-Malls wahrnehmen lässt. Wir wollen diese im Grunde seelenlosen Räume mit etwas Sinnvollem füllen. Mit Kreativität, mit menschlichen Emotionen, mit echter Musik. 

Chapter  Ihr verwendet auf „Junkspace“ Sprachsamples von Koolhaas, in denen er moderne Einkaufszentren als eine Parallelwelt ohne jede Spur von Individualismus und eigenständigem Denken beschreibt. 

Jasmine Golestaneh Eine beruhigende und zugleich faszinierende Schilderung. Ich bin besessen von riesigen Supermärkten. Ich kaufe dort aber nichts, sondern bin von den langen, hohen Gängen fasziniert. Diese scheinbar unendlichen Regale mit fein säuberlich drapierten Produkten haben auf mich eine hypnotisierende Wirkung. Wenn ich während der Arbeit an einem Song eine Pause brauche, gehe ich in irgendwelche Mega-Stores, um wieder den Kopf frei zu bekommen.

Chapter Also bist du kein Shopping-Addict.

Jasmine Golestaneh Nein. Es mag seltsam klingen, doch obwohl ich in New York City lebe, der Konsum-Hauptstadt der Welt, war ich noch nie ein großer Shopping-Freak. Ich habe einen ganzen Vergnügungspark um mich herum, aber ich lebe nicht darin und bin selbst kein Teil davon. Ich beobachte nur das Treiben von außen. 

Chapter Was genau fasziniert dich daran?

Jasmine Golestaneh Wenn wir auf Tour sind, führt uns der erste Gang nach dem Soundcheck regelmäßig in die örtliche Shopping-Mall. Wir haben schon Einkaufszentren von Südamerika über Polen bis China besucht. Alle verbindet eine ähnliche Sprache in Design und Architektur. Und natürlich die gleiche Atmosphäre. Als Kind bin ich in London aufgewachsen und habe oft Urlaub bei meiner Großmutter in Florida gemacht. Das Aufregendste bei diesen Besuchen waren immer die Ausflüge ins Shopping-Center. Früher kam mir das wie Disneyland vor, heute finde ich diesen Ort deprimierend. Für die Songs auf „Junkspace“ habe ich mich sehr von meinen Kindheitserinnerungen inspirieren lassen. Die Sicht aus unschuldigen Kinderaugen ist einer eher bedrohlichen Wahrnehmung gewichen. 

Chapter Ein kreativer Bruch, der sich wie ein roter Faden durch „Junkspace“ zieht. Teilweise erinnert die Stimmung des Albums an die sinistre Dramaturgie eines David Lynch…

Jasmine Golestaneh Es muss immer einen Bruch geben. Und sicher schwingt auch ein gewisser morbider Unterton mit. Damals hingen auf den Toiletten der Einkaufszentren Suchanzeigen mit Fotos von vermissten oder entführten Kindern. Ein beklemmendes Gefühl, das diesem naiven Disneyland-Feeling entgegenstand. Ich glaube, dieser Widerspruch, diese kreative Reibung spiegelt sich in unseren Stücken. 

Chapter Inwieweit hatte die Konsumarchitektur eurer Heimatstadt New York City einen Einfluss auf die Songs von „Junkspace“? 

Edward Cooper Für uns hat das Musikmachen eine höchst therapeutische Wirkung und stellt den Ausgleich zum Leben im Big Apple dar. Man kann in New York City nur kreativ sein, wenn man sich vom hektischen Leben loslöst. Man endet sonst irgendwann im totalen Chaos. Rund um die Uhr wird man mit unendlichem Input bombardiert und muss sich immer wieder die Frage stellen, ob man sich selbst treu bleibt oder nur vom Wesentlichen ablenken lässt. Man hört immer wieder von Bands, die sich für Plattenaufnahmen aufs Land oder sonstige abgelegenen Plätze verziehen. Das würde bei uns nicht funktionieren. Wir brauchen ständig neue Einflüsse um uns herum. Selbst, wenn wir nicht bewusst wahrnehmen. 

Chapter Rem Koolhaas berichtet auch von einer gewissen Klaustrophobie in großen Einkaufszentren. Etwas, worüber ihr als New Yorker wahrscheinlich nur schmunzeln könnt…

Edward Cooper Ich mag belebte Plätze und große Menschenmengen. Es fühlt sich gut an. Man kann völlig mit dieser namen- und gesichtslosen Masse verschmelzen und sich komplett anonym bewegen. 

Jasmine Golestaneh Ich könnte nicht in der Vorstadt leben, ohne Depressionen oder Angstzustände zu bekommen. Selbst eine Weltstadt wie Berlin erscheint mir im Gegensatz zu New York fast menschenleer und irgendwie beängstigend. Manchmal sieht man hier keinen einzigen Menschen auf der Straße. Und kein Auto, nicht einmal ein Taxi. Das würde in New York niemals passieren. Man fühlt sich irgendwie beobachtet. Ich brauche das Leben um mich. Auch, wenn ich selbst nicht immer daran teilnehme. Es ist einfach ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass ich es könnte.