Kunst, aber schnell  

"Größte Präzision bei größter Offenheit" hat der Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz einmal über sein Werk gesagt. Was er damit meint, kann auch anhand seiner „Automobilskulptur“ rekonstruiert werden.

TEXT SARAH WETZLMAYR

Was passiert wenn man einem Bild seine Grundlage – die glatte, klassische Leinwand – entzieht, es um ein Auto wickelt und dann mit 374 PS auf die Reise schickt? Im besten Fall kommt dabei eine Automobilskulptur heraus, die mit den typischen Eigenschaften einer Skulptur nur sehr wenig zu tun hat. Bei dem vom international renommierten Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz neu designten BMW i8 – dessen Gestaltung auf einigen seiner kleinformatigen Bilder basiert – ist das zum Beispiel so. Nichts ist statisch und in Stein gemeißelt, alles ist immer in Bewegung, wobei die Farben, Linien und Formen, durch das Relief der Karosserie, ständig in neue Beziehungen zueinander gesetzt werden. Alles schwingt und interagiert mit den Lichtverhältnissen der Außenwelt, während das beeindruckende Fahrverhalten des i8 auch im Inneren des Autos dafür sorgt, dass emotional kein Stein auf dem anderen bleibt. Insgesamt fügt sich dieses Aufzeigen unterschiedlicher Beziehungsmuster sehr gut ins Gesamtwerk des Künstlers ein. Nicht umsonst wurde Scheibitz vor allem für das Schaffen neuer Zusammenhänge durch das Spiel mit Versatzstücken und Verweisen in oft leuchtenden Farben bekannt.

„Inhaltliche Radikalität ist eine Frage der Form“ 

Auch wenn die Karbonstruktur der Karosserie auf den ersten Blick nur sehr wenig mit dem Gewebe einer Leinwand gemein hat, unterscheiden sich die Parameter, die beim Entwurf der Automobilskulptur zum Tragen kamen, gar nicht so stark von jenen, die Scheibitz auch bei anderen Skulpturen stets berücksichtigt. Der Künstler erklärt es so: “Inhaltliche Radikalität ist eine Frage der Form. Klassische skulpturale Fragen wie Blickachsen, Detailansichten, räumliche Standpunkte, Reliefcharakteristik, Symmetrie und aufgelöste Symmetrie sowie Illusion, sind für meine Gestaltung der Karosserie eines modernen Fahrzeugs der Ausgangspunkt gewesen.”

 

 

Eine gute Basis für intensive Beziehungen 

Der Besitzer jenes BMW i8, dem Scheibitz seine künstlerische Handschrift aufdrücken durfte, ist keine minder bekannte Persönlichkeit der Berliner Kreativszene: Bernd Heusinger ist Gründer der deutschen Werbeagentur „Zum goldenen Hirschen“ und besser unter dem Namen „Haysinger“ bekannt. Auffällig ist, neben dem von Thomas Scheibitz designten i8 natürlich, dass der bayrische Autohersteller mit diesem Modell eine gestalterische Leistung hingelegt hat, die bereits eine Vielzahl an KünstlerInnen inspirieren konnte. Künstlerische Bearbeitungen dieses stark futuristisch anmutenden Zukunftsmobils gab es nämlich bereits einige. Der i8 4 Elements von Milan Kunc, der i8 Memphis Style und die i8 CrossFade Edition von Garage Italia oder der i8 Road to Coachella von Khalid  fallen einem hier schnell als Beispiele ein. Die radikale und gleichzeitig harmonische Formensprache des flachen Sportwagens schreit also geradezu danach, die starken Linien des Autos fortzuführen und zu neuen und außergewöhnlichen Ideen zu verschränken. Bei all diesen Überlegungen steht eines auf jeden Fall fest: Noch nie ließ sich Kunst so schnell konsumieren wie mit dem BMW i8. Und das meinen wir in diesem Fall absolut positiv. 

Bei der Automobilskulptur „Scheibitz x Haysinger“ handelt es sich übrigens weder um eine Auftragsarbeit für BMW noch um ein BMW „Art Car“, sondern um ein eigenständig initiiertes Form- und Farbexperiment.