Konstruktive Datenkunst

Das Künstlerduo Salvatore Iaconesi & Oriana Persico im Interview

Im Keller des STATE Studios – einer Berliner Wissenschaftsgalerie, deren aktuelle Ausstellung HYPERTOPIA zu transdisziplinären Gedankenreisen in ein mögliches Morgen einlädt – erzählt ein elektronischer Apparat von der Armut der Welt. Anstelle von Worten nutzt er moduliertes Licht. Es leuchtet rot und versteht sich als Warnung, aber mehr noch als Werkzeug, Transmitter, Methode. Die Mission des Objekts namens Obiettivo (italienisch für Ziel) ist ambitioniert: Als Teil eines Projekts namens „Datapoeisis“ möchte es den Wandel der Welt begreifbarer machen – indem es Daten „erlebbarer“ macht. Hinter „Datapoeisis“ steht das Research Center „HER: She Loves Data“, ehemals „Human Ecosystems“, aus Rom – und dessen kreative Köpfe Salvatore Iaconesi und Oriana Persico, die sich als Duo auch AOS (Art as Open Source) nennen. Wir haben mit den beiden über KI und die Welt sowie das sinnliche Potential von Daten gesprochen.

Chapter Wer seid ihr? Was ist „HER: She Loves Data“? Was ist euer Hintergrund?

AOS In loser, ungeordneter Reihenfolge: Skateboarding, Robotik, Rave Partys, strategische Kommunikation, Hacking, Wissenschaftsphilosophie, Schreiben. Wir kochen beide sehr gern. Keiner von uns hat Kunst studiert, wir kommen eher aus der Kommunikationswissenschaft, Informationstechnologie und der Philosophie. Eine Kombination, die in Zeiten wie diesen so typisch wie symptomatisch erscheint…

„HER: She Loves Data“ ist eine besondere Art von Research Center. Es verbindet künstlerische und gestalterische Methoden mit natur- und geisteswissenschaftlichen und technischen Aspekten. Wir erforschen die existenziellen, sozial-psychologischen Implikationen der modernen Informationstechnologie. Mit „HER: She Loves Data“ haben wir eine technologische Infrastruktur geschaffen, die uns erlaubt, als eigene kleine Institution zu agieren und unsere Arbeit durch die Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen, Organisationen, Unternehmen sowie anderen Institutionen oder Forschungseinrichtungen in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren.

Chapter In den 1940er-Jahren verstand man Daten vor allem als „übertragbare und speicherbare Computerinformation“, seither hat sich der Begriff samt seiner Bedeutung verändert. Heute gelten Daten als Währung, Kommunikationsmedium, ein Mittel die Welt zu beschreiben (und bestenfalls besser verstehen zu können), etc. Welche Definition ist euch am liebsten? (Und: Do you love Data?)

AOS Daten und ihre computerbasierte Interpretation sind mittlerweile längst zu einem grundlegenden Aspekt des menschlichen und sozialen Lebens avanciert. Als kulturelle Artefakte bestimmen Daten die Art und Weise, in der wir uns ausdrücken und definieren. Sie haben dem Öl als wichtigstem Rohstoff längst den Rang abgelaufen. Wir müssen uns mit ihnen beschäftigen und einen nachhaltigen, verantwortungsbewussten Umgang mit ihnen erlernen.

Chapter Ich frage euch das als kreative Köpfe eines Projekts namens Datapoeisis. Wie kam es zustande und welche Ziele verfolgt ihr damit?

AOS Datapoeisis ist in Ivrea entstanden. Die italienische Stadt (in der Region Piemont, am nördlichen Rand der Po-Ebene,) war mal so etwas wie das Silicon Valley Europas. Im Gegensatz zum heutigen Siliziumtal Kaliforniens wurde in Ivrea an Konzepten für einen sozialen Kapitalismus gearbeitet, der den Künsten und der Kultur allgemein einen sehr hohen Stellenwert einräumen sollte. Leider sind diese Ideen im Lauf der 60er-Jahre mehr oder weniger im Sande verlaufen. Wir haben in Ivrea einen Workshop geleitet, der von unseren Freunden bei PlusValue und ICONA organisiert wurde – einer Gruppe kreativer Unternehmer, die den Geist der Olivetti-Werke wiederbeleben. Während wir in die traditionsreiche Geschichte des Unternehmens Olivetti eintauchten, stellten wir uns immer wieder die Frage, was ein Entrepreneur wie Adriano Olivetti wohl heutzutage tun würde. Wir glauben er würde sich mit Datentechnologie beschäftigen, um vorwärtsgewandte Objekte entwerfen und produzieren zu können, für die Bedürfnisse, Erwartungen, Ansprüche und Visionen unserer Zeit. Natürlich würde auch seine Firma nach Profit streben, aber sie würde sich auch den ethischen und sozialen Verantwortungen stellen, die fortschreitende Informationstechnologien, künstliche Intelligenz, etc. neben all den neuen Möglichkeiten mit sich bringen. Mit diesen Überlegungen hat Datapoeisis begonnen. 

Chapter In der Philosophie steht der griechische Begriff poeisis für eine Handlung, die Neues in die Welt bringt, das dann weiter besteht und von sich aus Wirksamkeit entfaltet; auf eurer Website nehmt ihr Bezug auf diese Definition… was macht das Projekt Datapoeisis – oder dessen Output – zum Game Changer?

AOS Im Englischen gibt es den Neologismus “Senseability”, der eine sinnliche und körperliche Erfahrbarkeit beschreibt. Wir finden, dass unsere hypervernetzte Gegenwart neue Formen einer solchen “Senseability” braucht. Um den Klimawandel und seine Konsequenzen zu erfahren, reichen unsere eigenen Sinne und Möglichkeiten zum Beispiel nicht aus. Um seine Folgen auszuwerten zu können, bedarf es enormer Datenmengen aus allen Regionen der Erde – und entsprechende Rechenkapazitäten. Was wir aber ebenso brauchen, sind neue Formen der Datenvermittlung. Hier setzt Datapoiesis an. Bei den Objekten, die aus dem Projekt hervorgehen, handelt es sich um Kunstwerke, Möbel, elektronische Geräte und Gadgets, deren Gestaltung im Wesentlichen von modernen Daten und deren Verarbeitung ausgeht. Ihre Funktion besteht darin, neue Formen der Reflexion, Emotion, Kollaboration, und Diskussion zu befördern und komplexe Phänomene der globalisierten Welt auf neue Weise erfahrbar zu machen. Das geht nur, indem man neue Verbindungen schafft, zwischen Informationen und ihren Agenten, zwischen Design, Kunst, Tech und Aktivismus. Wir wollen Konzepte entwickeln, die den komplexen Zusammenhängen unserer ökologischen und gesellschaftlichen Umwelt nachspüren und ein Gefühl von kollektiver Verantwortung stiften. Mit PlusValue und ICONA als Partnern und dem Budget einer ersten öffentlichen Ausschreibung in der Tasche haben wir begonnen, diese Vision in Aktionen und Objekte zu überführen.

Chapter Euer erstes „datapoietisches“ Objekt heißt Obiettivo und ist aktuell im STATE Studio in Berlin ausgestellt. Wie kam es dazu?

AOS Der Kontakt zu STATE kam über die AI for Good Global Summit zustande. Das ist eine Plattform der Vereinten Nationen, die den Dialog über vorteilhafte Nutzungsmöglichkeiten künstlicher Intelligenz vorantreiben möchte und die Entwicklung konkreter Projekte fördert. Das STATE Studio Team hat mit AI for Good zusammengearbeitet, wir hatten Obiettivo dort eingereicht und als die Kuratoren ihre aktuelle Ausstellung konzipierten, haben sie sich an das Objekt erinnert. Daraufhin hat sich ein wunderbarer Dialog entwickelt. Wir sehen uns nie einfach als Künstler, die Werke ausstellen, wir möchten die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft aktiv mitgestalten. Kunst-Wissenschafts-Kollaborationen sind ja gerade ein großes Ding, aber in unseren Augen sind solche Partnerschaften nur dann wirklich wertvoll, wenn sich alle Seiten aktiv beteiligen, um innovative Forschungsmethoden, Formen, Prozesse, oder Konzepte zu entwickeln. Bei STATE hat man das Potential der gegenseitigen Bereicherung gleich gespürt. Einerseits kommuniziert und ergänzt Obiettivo die Ideen der Ausstellung, andererseits eröffnen Ort und Kontext neue Zugangsmöglichkeiten zum Objekt und den Ideen dahinter. 

Chapter Könnt ihr kurz erklären, wie Obiettivo funktioniert?

AOS Obiettivo ist eine Warnleuchte, die auf die Daten internationaler Organisationen reagiert – genauer auf die Anzahl an Menschen, die im Sinn des UNDP (United Nations Development Programme) in extremer Armut leben, also weniger als $1,90 am Tag zur Verfügung haben. Obiettivo wird mit Datensätzen der UN, des OECD, der Weltbank und der World Poverty Clock befüttert, die zunächst aufeinander abgestimmt werden (unterschiedliche Organisationen nutzen unterschiedliche Standards, Referenzen und Recheneinheiten). Die regelmäßigen Berichte von UN, OECD und der Weltbank bilden die Datengrundlage, gleichzeitig werden Echtzeit Updates der World Poverty Clock in ein neurales Netz eingespeist, das mit historischen Datensätzen trainiert wurde, um die Entwicklungszahlen besser deuten zu können. Aus dem Abgleich dieser Datensätze ergibt sich die Zahl der Menschen, die den Bereich, den die UNDP als extreme Armut definiert, verlassen – oder zur Gruppe der extrem Armen hinzukommen. Während die gesamte Datenverarbeitung in der Cloud passiert, wird dieser Wert an das eigentliche Objekt weitergegeben, um dessen Licht zu modulieren: Eine hohe Frequenz bedeutet, dass die Zahl extrem armer Menschen zunimmt, eine niedrige signalisiert eine sinkende Tendenz. Zudem verändert sich der Bereich, der beleuchtet ist: Bei sinkendem Werten wandert das Licht nach vorne, bei wachsenden nach hinten. 

Chapter Ihr beschreibt Obiettivo als „totemisches Objekt“, dessen Ziel es ist, „Zentrum urbaner Neo-Rituale“ zu werden. Was meint ihr damit?

AOS Unser Alltag ist voller Rituale, sei es in der Schule, im Büro oder auf der Straße, in unserem Konsum- und Kommunikationsverhalten, Selbstentfaltung und Selbstdarstellung. Mittlerweile sind viele dieser Rituale mit neuen Technologien verbunden. Diese empfinden wir jedoch insofern als defizitär, dass wir uns in ihren Prozessen kaum orientieren können. Wir fühlen uns etwas verloren, aus unterschiedlichen Gründen. Einer besteht in der Tatsache, dass wir all diese Technologien erst relativ kurz kennen und sie doch bereits so vieles verändert haben. Hinzu kommt, dass die meisten Rituale, im Rahmen derer wir im Alltag mit datenverarbeitenden Technologien im Kontakt stehen, konsumorientiert und vor allem von wirtschaftlichen Interessen geprägt sind, sie sind darauf ausgelegt, Menschen und ihre Aufmerksamkeiten in Vermögenswerte zu verwandeln. Wenn wir nicht wollen, dass sich diese extraktiven Prozesse verstärken, müssen wir diese technologiebasierten Rituale neu erfinden. Das ist schwierig, weil es uns an der nötigen Vorstellungskraft fehlt. Wir befinden uns in einer Art Krise der Imagination, vor allem, was unsere Beziehung zu Daten, Technologien und nicht-menschlichen Akteuren betrifft. Wir nutzen digitale Technologien als Services und sehen sie auch als solche an. Stattdessen sollten wir beginnen, sie als existentielle kulturelle Artefakte anzuerkennen und neue Kosmologien erdenken, die uns dabei helfen, die Welt und uns selbst besser zu verstehen. Wir werden sehr bald merken, dass wir nicht das Zentrum der Welt sind. Ein guter erster Schritt für die Verbesserung unserer Vorstellungskraft ist das Ende mensch-zentrierten Designs.

Chapter Obiettivo war zunächst als Warnlampe für den öffentlichen Raum konzipiert – jetzt stehen wir dem Prototyp im Galerieraum gegenüber. Ist es weiterhin Euer Ziel, das Objekt an einem Ort in der Stadt zu installieren, der öffentlich zugänglich ist?

AOS Unsere datapoietischen Objekte erfüllen zwei Grundfunktionen, über die eine – das Erschaffen einer neuen „Senseability“ – haben wir schon gesprochen. Die andere geht auf das spekulative Potential zurück, das in fast jedem Prototyp steckt. Es geht also darum, der besagten Krise der Imagination etwas entgegenzusetzen – auch durch die Erprobung unterschiedlicher Anwendungsmöglichkeiten. Ob nun als Kunstwerk oder Designobjekt befindet sich Obiettivo gerade im Erprobungsprozess, gemeinsam mit Institutionen, Schulen, Stiftungen, Ministerien gilt es herauszufinden, welche Rolle das Objekt einnehmen kann, an welchen Orten es funktioniert, wie es zum Totem oder auch zum Produkt wird. Bestenfalls entwickeln verschiedene Akteure, Communities oder Organisationen eigene Ideen davon, wie das Objekt gebraucht werden kann. Es ist ein generativer Prozess. Irgendwann würden wir Obiettivo gern in globale „Rituale“ integriert sehen. Das höchste Entwicklungsziel des UNDP ist es zum Beispiel, dass kein Mensch mehr in extremer Armut leben muss. In diesem Kontext könnte Obiettivo als rituelles Centerpiece dienen, an dem sich die internationale Forschungsgemeinschaft, Politiker und Volksvertreter versammeln. Die Verbindung von Kunst und Technologie könnte den Status Quo vor Ort erfahrbarer machen, aber auch den positiven Effekt einzelner Beschlüsse, den Wandel. 

Chapter Aufhören zu leuchten würde Obiettivo erst dann, wenn die Anzahl extrem armer Menschen weltweit irgendwann auf unter 500 000 fallen sollte. Besonders wahrscheinlich ist das leider nicht. Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich und in Zeiten der Pandemie nimmt die Armut drastisch zu, viele Prognosen sind düster – selbst dort, wo es den meisten Menschen bisher vergleichsweise gut ging. Neben der ökonomischen Situation verschlimmert sich die ökologische, noch nie waren die Anzeichen der systemischen Krise so deutlich spürbar wie jetzt. Was macht eure Arbeit zu einer validen Form von Aktivismus, in Zeiten wie diesen?

AOS Ein konkretes Beispiel: Im Januar haben wir begonnen, unser Research Center umzustrukturieren, um uns komplett auf die Entwicklung datapoietischer Objekte konzentrieren zu können. Im Februar brach dann die Pandemie aus und unser Forschungsthema bekam neue Bedeutung, im Zuge dieses planetarischen Ausnahmezustands wurden Daten zu etwas Existentiellen. Überall auf der Welt wurde den Menschen plötzlich bewusst, dass Ihre Freiheit rauszugehen, zu feiern, zu arbeiten oder sich mit Freunden zu treffen, am dünnen Faden langer Zahlenkolonnen und Statistiken hing. Die Medien bombardierten uns mit Daten – mit Todeszahlen, Infektionsraten, mit den Zahlen fehlender Beatmungsgeräte und Intensivpflegebetten – ihnen zu entkommen war unmöglich, ohne dass man sich viel mit den psychologischen und gesellschaftlichen Implikationen beschäftigte. Als Künstler und Researcher haben wir uns gefragt: wie können wir diesem aggressiven Info-Krieg ein meditatives Moment abgewinnen, das uns dabei hilft, uns selbst und unserem Umfeld näherkommen? So begann unsere Arbeit an „Data Meditations“, einem neuen, datapoietischen Ritual, das die Idee des Datenaustauschs reinterpretiert, um trotz räumlicher Isolation Nähe zu ermöglichen. Dabei fungieren Daten als Vermittler von Empathie und Solidarität oder als Formen autobiografischen Ausdrucks. Alle Tragödien, auch Pandemien, haben einen kathartischen Effekt, deren Kern die Agnition ist: Sobald wir anerkennen, wer wir wirklich sind und wie die Dinge liegen, können wir doch kaum anders, als sie mal mit anderen Augen zu sehen.

Chapter Die Grundstimmung im STATE Studio, der Berliner Galerie in der Obiettivo aktuell steht, ist optimistisch. „Das Ausstellungskonzept folgt der Fragestellung, wie der anhaltende Moment des gefühlten Ausnahmezustands die Beziehung zwischen Mensch, Natur und Technik auf eine Art transformieren kann, die Nischen der Hoffnung eröffnet und zu nachhaltigem Handeln ermutigt“ schreiben die Kuratoren. Inwiefern ist Obiettivo eine konstruktive Form des Alarms?

AOS Indem das Objekt neue Formen der Auseinandersetzung ermöglicht. Anstatt Daten einfach zu visualisieren, nutzt es sie performativ, was zu Kritik anregt, aber auch neue Erkenntnisse schafft. Obiettivo setzt dem bloßen Datenspektakel einen Akt der sinnlichen Erfahrung entgegen. Daten sind nicht objektiv, sondern immer ein Produkt von Konstruktion und Interpretation. 

Chapter Was hilft euch persönlich, positiv zu bleiben?

AOS Verliebt zu sein, konstruktive Ideen zu entwickeln und diese zu teilen. Wenn man, wie wir alle jetzt gerade, mit einer komplexen und schwierigen Situation konfrontiert ist, lässt sich der Konflikt nicht mehr so bildlich beschreiben oder begreifen wie ein Molotowcocktail. Wir können die Dinge nicht mehr alleine angehen. Dass muss man sich klar machen, auch wenn es bedeutet, mit Menschen und Organisationen arbeiten zu müssen, die man nicht mag. Wie sonst sollen wir mit so großen Themen wie dem Klimawandel fertig werden?

Chapter Viele Leute haben Bedenken, was die Verbreitung künstlicher Intelligenz in unserem Leben betrifft. Glaubt ihr, dass wir sie brauchen, um positiven Wandel umsetzen zu können?

AOS Als Künstler und Researcher schaffen wir Erlebnisse, die Menschen dazu ermutigen sollen, sich aktiv am Transformationsprozess zu beteiligen und ihre Meinung zu sagen. Wir dürfen die Debatte um künstliche Intelligenz, Informationstechnologien und den Umgang mit Daten nicht irgendwelchen Techniker und ihren Blasen überlassen. Es geht um unsere Ideen sozialen Zusammenlebens – ob nun in Koexistenz mit KI oder ohne – und um unsere Rechte, die wir immer wieder neu aushandeln müssen. 

Chapter Es gibt viele Konflikte, die Kunst allein nicht lösen kann. Glaubt ihr nicht, dass wir neue globale Bestimmungen brauchen, was den Umgang mit Daten, KI und so weiter betrifft? 

AOS Auch Ökonomen, Techniker oder Juristen werden diesen Konflikten allein nicht beikommen können. Wir müssen alle zusammenarbeiten – und die Kunst wird dabei gern unterschätzt. Technologie hat viel mit Wahrnehmung zu tun, sie beeinflusst die Art und Weise, in der wir die Welt sehen und fühlen. Wir erfinden Technologien, aber die Technologien erfinden auch uns. All die psychologischen, sozialen, existenziellen Implikationen der neuen Technologien eröffnen ein immenses Terrain, das es mit den Mitteln der Kunst zu erkunden gilt – so ist es schon in anderen Phasen der Geschichte gewesen. In Bezug auf Daten und KI sind regulierende und aktivistische Ansätze meist recht defensiv: sie wollen Privatsphäre erhalten, das Individuum schützen, etc. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil: Gott sei Dank gibt es Menschen, Institutionen und Organisationen, die sich für unsere Rechte einsetzen. Aber das hilft uns wenig, wenn es darum geht den Wandel der Welt und des Menschseins zu begreifen oder uns mit komplexen Umgebungen auseinanderzusetzen, in denen eben nicht nur wir selbst, sondern auch andere, nicht-menschliche Daseinsformen existieren. Wenn wir nur defensiv denken, werden wir mit der Komplexität unseres Planeten nicht auf verantwortungsvolle Weise umgehen können. Was wir brauchen sind ganzheitliche Ideen, die imaginativ und inklusiv sind. Ein perfekter Job für die Kunst, oder nicht?

Chapter Mit Obiettivo hat euer datapoietisches Projekt ja gerade erst begonnen, sich zu materialisieren. Was kommt jetzt? Welche anderen Ideen habt ihr in der Pipeline? 

AOS Ein neues Projekt haben wir gerade in Palermo gemeinsam mit dem dortigen Ecomuseo Mare Memoria Viva gestartet. Es heißt U-DATInos und ist als generative Installation einer unserer wichtigsten Ressourcen, dem Wasser, gewidmet. Unser Fokus bleibt jedoch weiterhin auf der Umstrukturierung von „HER: She Loves Data“. Das neue Konzept ist extrem umfangreich und umfasst Aspekte wie Co-Living, alternative Energie- und Lebensmittelproduktion – sowohl in urbanen als auch ländlichen Gebieten. Im September haben wir Rom verlassen und sind für eine einjährige Residency der Opera Barolo Foundation nach Turin umgezogen. Die kommenden Monate sind für Peer-Reviews unseres Konzepts reserviert, an denen Kulturinstitutionen, Universitäten, Studenten, Künstler, und Bürger beteiligt sein werden – vor Ort, in ganz Italien und international. Auf Basis dieses vernetzten, kollektiven und öffentlichen Prozesses möchten wir die Rolle des Research Centers neu definieren und beginnen, eine wirklich zeitgemäße Institution aufzubauen –gemeinschaftlich und über sämtliche Grenzen hinweg.


Wer Obiettivo live sehen und auf hypertopischem Terrain die Werke anderer Künstler wie Alexandra Daisy Ginsberg, Himali Singh Soin, Ani Liu, Dominique Koch erkunden will, kann dies noch bis Anfang Dezember im STATE Studio in Berlin Schöneberg tun. Weitere Infos unter: https://state-studio.com/program/hypertopia