Heart Of Glass

Die wundersame Welt der Transparenz

Text Janna STRAUSS | Fotografie Alexander  KILIAN

Wir wissen: Das Auge trinkt mit. In unserer Rubrik für Trinkbares soll es deshalb heute nicht um den Inhalt, sondern um das Drumherum gehen. So allgegenwärtig Glas in unserem Alltag ist, so kreativ wird das zerbrechliche Material seit jeher in schimmernde Kunstwerke verwandelt. Werfen wir einen Blick in die wundersame Welt der Transparenz.

 

 

Samtweich fallen organische Lichtstreifen voll blätterförmigem Blau, Grün und Gelb durch die spektakulären Buntglasfenster der Chapelle du Rosaire de Vence. Mit der südfranzösischen Sonne wandern sie durch die kleine Kapelle, die Henri Matisse als sein Meisterwerk bezeichnete. Die drei bodentiefen, kunstvoll gestalteten Fenster brechen die schlichten Wände und lassen Farbe und Freude in den Raum fließen. Unsere Welt ist eine verglaste. Die Cafévitrine, die bodentiefen Apartmentfenster, das Panoramaschiebedach — unzählige menschliche (und preisverdächtige) Errungenschaften existieren hinter, in und aus Glas. Dreifachverglasung ersetzt ganze Hauswände und in China gehören schwindelerregende Glasbrücken mittlerweile zur Normalität. Kaum vorstellbar, dass aus ein- und demselben Material filigranste Kunstwerke, sakrale Fenster und stilvolle Trinkgefäße entstehen. Die Ursprünge des Glases lassen sich bis zu den alten Ägyptern zurückverfolgen. Bei Pharao Thutmosis III wurde das Älteste bekannte Glasgefäß gefunden. Im mittelägyptischen Amarna stellte man schon um 1350 v. Chr. unserem heutigen durchaus vergleichbares Glas her, wie der Fund eines alten Brennofens beweist. Forscher der englischen Universitäten Cardiff und Sheffield bauten den über 3000 Jahre alten Ofen nach und gewannen im Experiment mit Quarzsand tatsächlich einen stabilen Glasbarren. Unter Leitung des visionären Archäologen Sir Flinders Petries wurde bereits in den 1890er Jahren ein Brennofen nahe dem Haupttempel in Amarna gefunden. Typischerweise war altägyptisches Glas bunt gefärbt und nur sehr selten durchsichtig. Die Brenner arbeiteten mit einer Mischung aus etwa 60 Prozent Silicium, 10 Prozent Calcium und 20 Prozent alkalischem Salz sowie farbgebenden Metalloxiden oder Tonerden. Rot-, Blau- und Grüntöne erreichte man durch die gezielte Zugabe von Kupferverbindungen. Die Anreicherung mit einer Blei-Antimon-Verbindung sorgte für einen hellen Gelbton. Für eine violette Glasfärbung verwendete man Mangan. Aufwendig gefertigter Schmuck, Perlen, kleine Götterfiguren, Möbelreliefs, Spielsteine und typische Skarabäen zeugen bis heute von der ägyptischen Kunstfertigkeit, die um das 1. Jahrhundert von den Römern adaptiert und weiterentwickelt wurde. In der Hagia Sophia im heutigen Istanbul und damaligem Konstantinopel sind fünf kunstvoll bemalte Glasfenster aus dem 6. Jahrhundert erhalten. Aus der selben Epoche stammen auch die sakralen Glasfenster der Kirche San Vitale in Ravenna.

 

LICHTBLICKE UND MEISTERWERKE

600 Jahre später erlebt die Glasmalerei während der Gotik ihren ersten Boom. In ganz Europa schmücken figürlich bemalte Fenster die großen Gotteshäuser. In der Kathedrale von Chartres lassen sich bis heute einige der besterhaltenen und ältesten Glasfenster ihrer Art weltweit bewundern. Die spektakulären Glasmalereien der Notre-Dame de Paris stammen ebenfalls aus dem Mittelalter, jedoch sind nur die drei großen Rosen heute im Original erhalten. Die täuschend echt wirkenden Fenster ihrer Seitenkapellen und des Chors sind der Fachkenntnis der Werkstatt Viollet-le-Duc zu verdanken, die die im 18. Jahrhundert zerst.rten Fenster kunstvoll ersetzen. Weiter westlich strahlt an der Westfassade der weltbekannten Kathedrale von Rouen eine fantastische Fensterrosette, die allein einen Abstecher in die Normandie wert ist. Zu den ebenbürtigen gotischen Meisterwerken in Deutschland gehört definitiv der Kölner Dom. Sein ältestes Fenster, das zweibahnige Bibelfenster in der Dreikönigenkapelle, entstand um 1260, das jüngste im Jahr 2007 nach  einem Entwurf von Gerhard Richter. Der Künstler unterteilte dafür das 113 Quadratmeter große Fassadenfenster des südlichen Querhauses in unfassbare 11.263 gleich große, farbige Quadrate von 9,6 Zentimeter Kantenlänge, die mit mundgeblasenem Echtantikglas in 72 verschiedenen Farbtönen gefüllt sind. Richter legte den Platz der farbigen Quadrate in den einzelnen Scheiben mittels Zufallsgenerator fest und spiegelte die Farbverteilung an der mittigen Längsachse der Fenster. Von Augsburg und Ulm über Salisbury und Oxford bis Lausanne und Wien zeugen spektakuläre Kirchenfenster von der Kunstfertigkeit und Kreativität mittelalterlicher Glaskünstler. Weitere 600 Jahre später befinden wir uns im 20. Jahrhundert. Marc Chagall entwirft traumhafte Glasfenster für Mainz, Metz und Zürich und arbeitet zwei Jahre lang mit dem Glaskünstler Charles Marq an den Fenstern der Synagoge des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem. Joan Miró kreiert in den Siebzigerjahren drei Glasfenster für die Kapelle Saint Frambourg in Senlis und sechs weitere Fenster für die Fondation Maeght bei Saint-Paul-de-Vence über der Côte d’Azur. Nur wenige Kilometer weiter durch kalksteingesäumte Serpentinenstraßen steht die eingangs genannte Chapelle du Rosaire, die nach ihrem Erbauer auch Chapelle Matisse genannt wird. Der Künstler entwarf die Kapelle — vom Grundriss über das blau-weiß gedeckte Dach bis zu kleinsten Details — für die Nonnen des Dominikanerordens von Vence. »In der Kapelle bestand die Hauptaufgabe darin, eine von Licht und Farbe erfüllte Fläche und eine blinde, nur von einer Grafik in schwarz-weiß belebte Wand ins Gleichgewicht zu bringen«, wird Matisse zitiert. »Diese Kapelle ist für mich die Erfüllung eines ganzen, der Arbeit gewidmeten Lebens. In ihr kam eine ungeheure, aufrichtige und mühsame Anstrengung endlich zum Blühen.«

 

Mitte: Riedel O, Von hinten nach vorne: Stehender Tumbler links oben: Hering Berlin, Liegender Tumbler links: Schott Zwiesel Tower Becher, Liegender Tumbler rechts: Arnolfo di Cambio Cibi Old Fashion, Stehender Tumbler links und rechts: Riedel Neat, Liegender Tumbler rechts unten: Lobmeyr Trinkservice № 248 – Loos Double Old Fashioned Becher

 

GLAS AKTUELL

Bis heute hat das starke und gleichzeitig so zerbrechliche Material nichts von seiner Faszination verloren und überrascht mit immer neuen Facetten, wie sie aus fruchtbaren Kombinationen aus Kreativität und neuen, präzisen Techniken entstehen. In Kiev fertigt Nikita Drachuk gläserne Spinnen und Kraken mit unvorstellbarer Präzision. Seine kleinen Glaswesen wirken so lebensecht wie zerbrechlich. Carol Milne gelang der Durchbruch mit ihren Glasobjekten im Stricklook, die faszinierend aussehen und gleichzeitig an die Fragilität sozialer Strukturen erinnern wollen. Die mikrokleinen Glasvasen und -flaschen von Kiva Ford werden vor allem von Wissenschaftlern im Labor genutzt, andere sammeln die Kreationen des Mitglieds der American Scientific Glassblowers Society als Kunstobjekte. Dylan Martinez aus Washington sorgt mit der Serie Glass Water Bags für Überraschung. Seine täuschend echt wirkenden wassergefüllten Tüten bestehen— samt Luftblasen,  Falten und handgeknüpften Knoten — aus massivem Glas.

Glaskünstlerin Milena Kling lebt und arbeitet in Berlin. Ihre hauchzarten Gläser der Serie »Circle« entstanden für das gefeierte Sterne-Restaurant einsunternull und werden heute international vertrieben. Zu den Säulen ihrer Arbeit gehören Authentizität, Begeisterung und klare Werte — auch und vor allem in der Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber. »Ich finde es wichtig, mit Partnern zu arbeiten, die die echte Qualität von gutem Handwerk verstehen und ethisch, herzlich und begeistert arbeiten. Partner, die verstehen, dass die besten Dinge in einem intensiven Austausch, gegenseitigem Vertrauen und Freiraum entstehen. Dabei ist es aber auch extrem wichtig, dass der Kunde eine starke Philosophie und klare Werte hat, die ich in den Prozess der Designentwicklung einarbeite. So entstehen prägnante Objekte, die perfekt zu dem Kunden passen. Authentizität ist mir in meiner Arbeit sehr wichtig. Sie hat die Kraft, wirklich eigenständige spannende neue Konzepte zu erzeugen«, erklärt die Designerin. Die ersten Gläser der Serie waren nach dem Launch für einsunternull innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Heute werden sie in Kooperation mit Lasvit in der traditionsreichsten Glashütte von Tschechien hergestellt. Aktuell entwickelt Milena für Studio Hausen die neue Glasserie »The Sphere Glass Bowls«, die mit intensiven Farben, deren Überlagerung und Zusammenspiel arbeitet. »Neben dem Handwerk begeistert mich das, was mit den Gläsern passiert. Die Vasen, die farbige Schatten werfen und gefüllt mit fantastischen Blumen und Zweigen den Blick fangen. Und auch meine Gläser, die gefüllt mit Wasser oder Wein beim guten Essen mit tollen Leuten für Gesprächsstoff sorgen. Die dazu anregen, sich den Moment bewusst zu machen, aufmerksam zu trinken, zu genießen, sich über die Qualität der Dinge bewusst zu werden. Bewusst oder unbewusst intensiver zu leben.« Die Arbeiten der Berliner Designerin sind unter anderem in der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne vertreten. Concept Stores wie Andreas Murkudis in Berlin, Objet Trouvé in Brüssel und March in San Francisco führen ihre Glasobjekte im Programm. Neben dem einsunternull setzt auch das neue Concept Restaurant Baldon in Berlin-Wedding auf die Gläser von Milena Kling, denen das Herzblut förmlich anzusehen ist. »Jedes Mal aufs Neue bin ich von diesem Prozess und der Verarbeitung des flüssigen 1160°C heißen Materials, das fließt, glüht, zischt und sich dann unter der Kunst des Glasmachers zu formen beginnt, in den Bann gezogen, berichtet die Designerin. »Glas ist ein unglaublich archaisches Material, es transformiert sich in der Hitze des Feuers aus rohem Gestein zur Brillanz von kristallklarem Glas. Das ist magisch!« 

 

Von links nach rechts: Zalto Denk’Art Süsswein, Schott Zwiesel Sensa Zalto, Denk’Art Champagner

 

Chemisch übersetzt sich diese Magie in das Schmelzen, Läutern, Formen und Erkalten von meist sechs Hauptrohstoffen. Aus Quarzsand wird das ben.tigte Siliciumdioxid gewonnen. Dabei ist wichtig, dass der Sand nur einen maximalen Anteil von 0,05 Prozent an Eisen(III)-Oxid besitzen darf, der ansonsten bei Weißglas für eine unerwünschte Grünfärbung sorgt. Natriumcarbonat dient unter anderem als Flussmittel und senkt den Schmelzpunkt des Siliciumdioxids. Pottasche liefert Kaliumoxid für die Schmelze. Feldspat sorgt für den nötigen Tonerde-Anteil des Gemenges, der die chemische Beständigkeit gegenüber Wasser, Nahrungsmitteln und Umwelteinflüssen erhöht. Kalk dient als Netzwerkwandler und wandelt sich während der Schmelze zu Kohlendioxid und Calciumoxid, das die Härte und chemische Beständigkeit des Glases erhöht. Zugegebenes Dolomit schließlich ist Träger für Calciumoxid und Magnesiumoxid, die beide ähnlich auf die Schmelze wirken. Das Formen von Glas geschieht individuell nach dem gewünschten Endergebnis. Hohlglas wird in mehreren Verfahren durch Pressen, Blasen, Saugen oder verschiedene Kombinationen dieser Techniken hergestellt. Glasfasern entstehen durch Spinnen im »TEL-Verfahren« . Flachglas wird im »Floatverfahren«  hergestellt, gezogen, gewalzt oder gegossen. Rohrglas wird durch kontinuierliche Ziehverfahren hergestellt. Beim Tempern, also dem definierten langsamen Kühlen, erstarrt das Glas zu seiner finalen Form. Die Dauer der Kühlzeit berechnet sich dabei anhand der je nach Glasart zu überbrückenden Temperatur und der Stärke des Glases. Industrielles Glas kühlt in Kühlbahnen ab, bei der die Produktion auf Stahlmatten oder Rollen langsam durch abgestuft geheizte Ofensegmente transportiert wird. Für Sonderanfertigungen und Kleinstchargen nutzt man Kühlöfen, die eigens für die jeweiligen Produktionen auf Temperatur gebracht werden.

 

Von links im Uhrzeigersinn:
Stehendes Digestifglas: Zalto Denk’Art Digestiv, Stehende Weinflasche mit Stöpsel: Lobmeyr Trinkservice № 4
Liegende Weinflasche mit Stöpsel: Lobmeyr Trinkservice № 248 – Loos, Liegendes Pokal-Glas: Lobmeyr Trinkservice № 4

 

WO/MEN AT WORK/SHOPS

Die hohe Kunst der Glasherstellung lehrt auch UrbanGlass aus Brooklyn in New York. Bei unterschiedlichsten Glasworkshops zeigt das Studio den Umgang mit und das Gestalten von Glas. Von Anfängerkursen für Teenager bis zur Master Class für professionelle Künstler steht hier alles nur Denkbare auf dem Programm. »Introduction to Glass, Neon, Plasma, And Electronics« heißt ein Workshop im Mai. Zwei Wochen später findet das »Father’s Day Glassblowing« statt. Beim »Experience Glass Day« und beim »Summer Camp« lernen auch Kids die hohe Kunst der Glasbearbeitung. In den großzügigen Räumlichkeiten von UrbanGlass lassen derzeit über 380 Künstler ihre Ideen gläserne Wirklichkeit werden. Regelmäßig finden Ausstellungen statt. Bis Mitte April zeigt hier Glaskünstler James Corporan unter dem Arbeitstitel »Computronium« seine neuesten Werke. »Meine jüngsten Installationen lösen die Grenzen von Realität, Masse und Technologie auf. Dazu arbeite ich mit Glas, Papier und computergesteuerter Beleuchtung«, erklärt der gebürtige New Yorker, der auf 15 Jahre Arbeitserfahrung mit dem zerbrechlichen Material zurückblickt.

Von hinten nach vorne:
Stehender Wine-Tumbler rechts: Riedel Optical O, Stehender Wine-Tumbler links: Riedel O,
Liegende Wine-Tumbler: Riedel O

 

Nur wenige Kilometer weiter nördlich, auf der anderen Seite des East River, betreibt Jim Meehan seine Speakeasy-Bar PDT — kurz für Please don’t tell — im Village. Der vielprämierte Bartender, Speaker und Buchautor hat mit seinem gefeierten The PDT Cocktail Book international Standards für Bars und Hausbars gesetzt und ein ganzes Kapitel dem richtigen Glas gewidmet. »Eine hochwertige Optik und Haptik des Glases unterstreicht die Qualität des Cocktails«, findet Meehan. »Zu Anfang haben wir hinter dem Tresen im Please don’t tell noch mit teuren Gläsern gearbeitet, die jedoch oft zerbrachen und ihrem ständigen Einsatz nicht gewachsen waren. Gleichzeitig wollte ich, dass unsere Gläser den Charakter der Bar widerspiegeln. So rückten nach und nach gehärtete, stabilere und dennoch stilvolle Gläser in die Regale nach, die ihren häufigen Einsatz gut überstehen. Die meisten Designergläser machen im eigenen Zuhause meiner Erfahrung nach tatsächlich mehr Sinn als an der Bar.« Wir wissen: Eine gut gefüllte Hausbar macht das Leben bewiesenermaßen schöner. Und wie der gesunde Geist in einem gesunden Körper wohnen will, fühlen sich auch Negroni, Last Word und Sazerac in einem ebenbürtigen Glas, das die ganze kostbare, magische, Jahrtausende alte Geschichte seiner Spezies in sich trägt, am wohlsten. Ein perfekter Drink verlangt nach einem perfekten Glas. Wer also seine Sammlung rauchiger Mezcals, knackiger Gins und sonnendurchfluteter Bitterliköre um ein paar schimmernde Exemplare ausgesuchter Designergläser erweitert, macht alles richtig. Bühne, wem Bühne gebührt.

 

Liegendes Weinglas: Zalto Denk’Art Gravitas Omega
Von links nach rechts: Martini-Gläser: Riedel Vinum Extreme, Schott Zwiesel Pure, Riedel Veritas Coup