Frühling in Warschau

Zu Besuch in einer der aktuell faszinierendsten Städte Europas.

Blick auf die Emilii-Plater-Straße im zentralen Stadtteil Śródmieście

Text Maciej Tadeusz  PALUCKI  |  Fotografie Daan  DAM

Warschau ist im Wandel. Waren es früher Plattenbauten und Vorkriegshäuser, die das Stadtbild geprägt haben, so schießen heute moderne Wolkenkratzer gen Himmel. Auch politisch erlebt die Hauptstadt Polens derzeit einen Wechsel. Die Metropole gibt sich weltoffen und vielfältig, hält die Traditionen aber hoch. Ein Besuch in einer der aktuell faszinierendsten Städte Europas.

Das Novotel im Zentrum von Warschau

Ein winziger Grad Celsius plus, das Wetter grau gemischt mit grau, sozialistisch-realistische Bauten, müde und hoffnungslose Gesichter. Warschau, im Februar 1989. Das war einmal. 30 Jahre im Schnelldurchlauf: Die polnische Hauptstadt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer echten europäischen Metropole entwickelt. Zu einer, die schneller wächst als viele bekannte und viel bereiste Destinationen des Kontinents. Und zu einer, die eine historisch ganz spezielle Anziehungskraft hat: Melancholie trifft Hedonismus, Geschichte trifft Zukunft. Wer einmal in Warschau war, will wiederkommen. Nicht von ungefähr heißt es auch: »Warschau, das ist das Paris des Ostens«. Auch im stilistisch herausragenden, mehrfach Oscar-nominierten Film »Zimna Wojna« (auf Englisch: »Cold War«) von Regisseur Paweł Pawlikowski fällt dieser Ausspruch. Der melancholische Schwarz-Weiß-Streifen, mit dem der preisgekrönte polnische Filmemacher vage die gleichzeitig aufregend wie tragische Liebesgeschichte seiner Eltern thematisiert, zeigt den schwierigen Wiederaufbau des polnischen Kulturlebens aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs und das ambivalente Verhältnis des Kunstbetriebs mit dem Kommunismus.

Palast der Kultur und Wissenschaft

Blick vom Kulturpalast

Aus dieser Zeit, den 1950er Jahren, stammt auch der Palast der Kultur und Wissenschaft (auf Polnisch: Pałac Kultury i Nauki), das Wahrzeichen der Stadt und markantestes Gebäude des Sozialistischen Realismus. Als er 1955 fertiggestellt wurde, war der 237 Meter hohe Kulturpalast Polens höchstes und Europas zweithöchstes Gebäude. Nicht von ungefähr, wurde er ursprünglich doch zu Ehren des sowjetischen Diktators Josef Stalin errichtet (Ursprungsname: Kultur-und-Wissenschaftspalast Josef Stalin). Heutzutage verdecken Neon-Letter den Namen Stalins, trotzdem ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude nicht unumstritten. Seit dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 wurde von politischen Proponenten immer wieder der Abriss des Kulturpalasts — obwohl er Museen, Büros, ein Theater und ein wunderschönes Kino sowie mehrere Bars und Cafés beherbergt — gefordert. Zuletzt bei den Wahlen zum Stadtpräsidenten Warschaus im Winter 2018. Patryk Jaki, der Kandidat der rechts-konservativen PiS (Prawo i Sprawiedliwość; auf Deutsch: Recht und Gerechtigkeit), jener Partei, die in Polen regiert und dominiert, hatte die (ewig-) gestrige Diskussion wiedereröffnet. Dienlich war sie wohl nicht. Denn sein Konkurrent, der bürgerlich-liberale Kandidat Rafał Trzaskowski gewann die Wahl klar — und das bereits im ersten Wahlgang. Auf dem 47-Jährigen ruhen die Hoffnungen der Bevölkerung Warschaus, die sich eine ideologische Veränderung im Land erhofft. Immer wieder fällt dabei auch der Begriff des »polnisch-polnischen Krieges«. Hinter diesem martialischen Vergleich verbirgt sich die jahrelange innenpolitische Auseinandersetzung zwischen der von Jarosław Kaczyński geführten PiS und der Mitte-Partei PO (Platforma Obywatelska; auf Deutsch: Bürgerplattform), die zuvor das Land regierte. Im Schatten der beiden Großen konnte sich keine weitere Partei längerfristig als ernstzunehmender Kontrahent im Wettstreit um die Macht etablieren. Aktuell formiert sich jedoch eine neue politische Kraft in Warschau und Polen: Wiosna (auf Deutsch: Frühling) von Robert Biedroń. Dass Jahreszeiten auch nachhaltiges Marketingpotenzial haben, wissen wir spätestens seit dem »Winter is Coming«-Claim der Fantasyserie Game of Thrones. Biedroń, der erste offen schwule Politiker des Landes, repräsentiert ein neues, tolerantes und liberales Polen. Als Bürgermeister einer mittelgroßen polnischen Stadt feierte der 42-jährige bekennende Atheist erste Erfolge und will nun mehr. Viel mehr. Er will polnischer Premierminister werden. Seine Ansagen klingen ambitioniert, um nicht zu sagen unrealistisch: Auf dem Warschauer Gründungskonvent seiner »Bewegung« kündigte er einen Ausstieg aus der Kohle, die Ermöglichung der Ehe für homosexuelle Paare und eine konsequente Trennung zwischen Staat und Kirche an. Er will den gesellschaftspolitischen Winter beenden und sich im Superwahljahr — bei den Europawahlen im Mai und bei den Parlamentswahlen — landesweit etablieren. Die Umfragewerte sind dabei vielversprechend.

Bartosz Wieliński, Außenpolitik-Chef der Gazeta Wyborcza, der größten liberalen Tageszeitung des Landes, bewertet das Programm von Biedroń kritisch: »Er verspricht sehr viel. Es stellt sich die Frage, ob er die Versprechen auch halten kann. Populismus (Anmerkung: von Seiten der regierenden PiS) hatte vor den letzten Wahlen noch funktioniert. Heutzutage kommt er nicht mehr gut an.« Wieliński gehört mit mehr als 22.000 Followern zu den wichtigsten politischen ProtagonistInnen der polnischen Twitter-Welt. Dort wurde er erst nach den Wahlen vor vier Jahren aktiv — und auf dem digitalen Schlachtfeld von rechtskonservativen Usern schnell zum Feind Nummer eins auserkoren. Wieliński1 wird von seinen Gegnern als »Verräter« oder »Volksdeutscher« beschimpft, erzählt er im Gespräch. Angst habe er keine. So lässt er auch bei unserem Treffen in der Warschauer Gazeta Wyborcza Redaktion Emotionen außen vor. Es gehe ihm um die Sache, respektive Sachen. Er engagiere sich für die polnisch-deutsche Freundschaft und möchte einen möglichen »Polexit«, also einen Austritt seines Landes aus der Europäischen Union verhindern. Und trotz der gesellschaftlichen und politischen Spaltung des Landes hat Wieliński Hoffnungen: Seit dem tödlichen Messerattentat auf den Stadtpräsidenten der Stadt Danzig, Paweł Adamowicz, während einer großen Wohltätigkeitsveranstaltung im Jänner 2019, hat sich Polen verändert. Das Land ist zusammengerückt, unter anderem durch die vielen Demonstrationen gegen Hass und Gewalt in Warschau sowie anderen Großstädten des Landes. »Und auch das gestiegene Engagement in meiner Blase für liberale Grundwerte stimmt mich positiv.« Damit meint er Pressefreiheit, Frauenrechte, eine unabhängige Justiz. Genau diese Grundwerte einer Demokratie stehen derzeit auf dem Spiel. Nun gehe es um die Zukunft, aber die PiS beschäftigt sich stattdessen ausschließlich mit Geschichte, analysiert der bekannte Journalist. Nicht nur Wieliński, auch viele andere Polinnen und Polen, vor allem die jüngere Generation, wünscht sich, dass der innenpolitische Krieg bald zu Ende ist. Diese Meinung vertritt auch Anita Borkowska. Die studierte Germanistin ist seit vielen Jahren als Reiseführerin in Warschau tätig: Politik sei zwar ein großes determinierendes Thema, aber es könne nicht sein, dass wir uns jeden Tag nur darauf fokussieren. Es gebe auch andere Dinge im Leben – wie Recht sie hat. Mehrmals pro Woche führt sie Reisegruppen durch die faszinierende Stadt. Mit Stolz spricht sie über die Geschichte Warschaus aber auch über die Gegenwart. Wohl in keiner  europäischen Hauptstadt wurde in den vergangenen zehn Jahren so viel gebaut wie hier. Nun sei Warschau architektonisch ein »Mischmasch« aus Vorkriegshäusern, Plattenbauten und Wolkenkratzern (das Stadtbild prägt auch das futuristische Wohnhochhaus Złota 442, in dem sich auch Fußballstar Robert Lewandowski von Bayern München ein Apartment gekauft hat).

 

Wohnhochhaus Złota 44

Auch die Kulinarik ist bunter geworden. War die hiesige Küche stets dafür bekannt, reich an Fleisch und Fett und üppig zu sein, sprießen aktuell auch vegetarische und vegane Läden aus dem Boden. Wer auf der Suche nach den deftigen Teigtaschen (Pierogi) oder nach der Innereien-Spezialität Flaki (Kuttelsuppe) ist, wird aber nicht enttäuscht werden. Eine Adresse für altpolnische Spezialitäten nach »Großmutters Rezeptur« ist etwa das bodenständig-unprätentiöse Zapiecek in der Flaniermeile Ulica Nowy Świat (Neue Welt-Straße). Gediegener — und Low Carb — speist man in der Restauracja Warszawska. Hier wird zwar Kaszanka (Blutwurst), eine altpolnische Spezialität, kredenzt, aber in neuem Gewand. Wie überhaupt die Raffinesse in Erinnerung bleibt, ob bei Nouvelle Cuisine oder Variationen von Klassikern wie der polnischen Pilzsuppe oder dem panierten Schnitzel. Das Restaurant Warszawska befindet sich im Untergeschoß des spektakulär-mondänen Hotels Warszawa, das sich den zeitgenössischen Ausdruck »on fleek« mehr als verdient. In den 1930ern befand sich dort der modernistische Prudential Tower, das damals zweithöchste Gebäude Europas. Im zweiten Weltkrieg wurde es, wie fast ganz Warschau, zerstört, später wiederaufgebaut. 2003 musste das Hotel schließen. Nun erlebt es eine prunkvolle Revitalisierung im Art-Deco-Stil. Überhaupt stehen architektonische Umgestaltungen in Warschau hoch im Kurs. Auch die ehemalige Wodkafabrik Koneser (Polnisch für Connaisseur) präsentiert sich im neuen, alten Backsteinstil. Dort wo einst der bekannte Wyborowa Wodka abgefüllt wurde, wird nun in einem eigenen Museum die jahrhundertelange Geschichte des polnischen Nationalgetränks vorgestellt. Wer eine Tour — wahlweise auf Polnisch oder Englisch — bucht, bekommt drei Sorten zur Verkostung angeboten. Empfehlenswert ist daher der Besuch erst am Nachmittag. Wer sich einen Żubrówka, umgangssprachlich auch im deutschsprachigen Raum als »Büffelgras«-Wodka bekannt, erhofft, wird enttäuscht. Den trinken ohnehin nur die »Touristen«, kommentiert der Zeremonienmeister während der Verkostung trocken. Das Muzeum Polskiej Wodki liegt im Stadtteil Praga. Wie gentrifizierte Viertel anderer Metropolen war auch Praga, das auf der rechten Seite der Weichsel liegt, nicht immer ein vergnüglicher Hotspot. Mit der Eröffnung des neuen Nationalstadions oder auch »Weidenkorb«, wie das Stadion ob seiner charakteristischen, gewobenen Fassade genannt wird, vor sieben Jahren, wo Robert Lewandowski und seine Kollegen in Weiß-Rot die patriotischen Herzen zum Entzücken bringen, erlebt der Stadtteil eine Transformation.

Warschau befindet sich in einem stetigen Wandel und bekommt mehr Wahrzeichen. Zu einem solchen und historisch unbestritten wichtigsten ist POLIN geworden. Das 2014 eröffnete Museum zeigt interaktiv die 1.000 jährige Geschichte der polnischen Jüdinnen und Juden. Gebaut wurde es symbolisch auf den Ruinen des 1940 errichteten Ghettos. Vor den nicht in Worte zu fassenden Gräueltaten der deutschen Nationalsozialisten blühte das — kommen, um sich das beeindruckende Museum anzusehen. Auch die polnische Mehrheitsbevölkerung entwickelt zunehmend ein Interesse am Judentum, der jüdischen Kultur, koscherem Essen und (ausverkauften!) Veranstaltungen in Jiddisch im jüdischen Theater. Dazu trägt ein zeitgenössisch-positiver Zugang bei. So hat etwa Antonina Samecka, Chefin des Warschauer Mode-Labels RISK made in Warsaw, vor einigen Jahren für ihre Kollektion Risk OY den Davidstern als Symbol eingesetzt und in einen modernen Kontext gesetzt. Dafür bekam sie Aufmerksamkeit und Applaus, sowohl im In- als auch im Ausland. »Gerade in den USA waren die Menschen überrascht, dass Juden hier sicher sind. Dabei ist es so: In Warschau Jude zu sein, ist wie in Brooklyn. Einst war es gefährlich, nun ist es cool«. Sie ist ein Beispiel für die selbstbewusste jüngere Generation, die Hipster-Cafés, Tattoo-Läden oder Modeboutiquen betreibt. Sie wünschen sich nicht nur ein liberales Polen, sondern leben es auch vor. Warschau ist im Wandel — und eine Reise wert. jüdische Leben in der Metropole an der Weichsel. Damals war ein Drittel der Bevölkerung jüdisch — gleichbedeutend mit der damals größten jüdischen Gemeinde weltweit. Der Museumsbesuch erschüttert, erinnert, bildet. POLIN muss man gesehen haben, wenn man Warschau sehen und verstehen will. Nicht nur Touristinnen und Touristen aus dem Ausland — darunter Israel, USA und Großbritannien.

Blick auf das Heizkraftwerk Siekierki im Süden Warschaus

 

Danke an das Warsaw Tourist Office für die Stadtführung und den aufenthalt im
Hotel Warszawa.