Erfolgsgeschichten

Werner Aisslinger über die emotionale Seite guten Designs

Text Martin PÜSCHEL VON STATTEN | Fotografie Matthias ZIEGLER

Die Sonne spiegelt sich in gläsernen Lettern, die in Summe Lichthaus Wolle ergeben, unter der Leuchtreklame aus längst vergangenen Zeiten verschmelzen markante Gegensätze zu einer harmonischen Szenerie: In Schwarz gehüllte Akteure korrespondieren farblich zum 7er BMW, der souverän auf dem sowjetischen Prachtboulevard Stellung bezieht — und heute als unser mobiler Interviewraum fungieren wird. Die Stromlinien der Luxuslimousine behaupten sich vor der monumentalen Wucht stalinistischer Formensprache, während rechts davon der renommierte Designer im weißen Hemd Smalltalk mit dem interessierten Anwohner hält.

Werner Aisslinger, Allroundtalent und kreativer Kopf eines der erfolgreichsten Designbüros in Europa, ist ein gefragter Mann. Wie selbstverständlich wechselt er zwischen lockerer Interaktion, geschäftlichem Telefonat und Fotoshoot. Der nächste Termin wartet, wir nehmen Platz auf perfekt geformten Ledersitzen und gleiten vorbei am grandiosen Panorama der Berliner Karl-Marx-Allee. »Werner«, sagt er kurz und bündig zur Begrüßung, bevor sich jene Gedankenwelt öffnet, die Ästhetik, Technologie und Emotion gekonnt in Form bringt.

 

»Ich sehe mir immer sehr gerne Detaillösungen an — wie neue Front- oder Heckleuchtensysteme — aber vor allem die Verarbeitung von Stoffen oder Leder, also die Nahtführung, Polsterung und Segmentierung von Interiorteilen.


»Ein Designer muss auch die Zukunft gestalten.«


Beim Zusammenspiel mit Licht und integrierten LED’s finden sich auch spannende Effekte – im Interiordesign gibt es in der Automotive-Welt sicher größere Quantensprünge als im Exterior.«

 

Der Gewerbehof aus roten Ziegelsteinen steht inmitten einer riesigen Baustelle: Büros, Wohnungen, Hotels wachsen aus dem märkischen Sand, Berlin hat Großes vor, Investorenträume verwandeln das Bild der Stadt rasant. Hier befindet sich der Sitz von Studio Aisslinger, obwohl die meisten Kreativen aus den letzten Nischen nördlich des Berliner Hauptbahnhofs bereits geflohen sind. »Früher war das hier eher eine Gemischtwarenwelt«, sagt Aisslinger nachdenklich, während wir ins zweite Stockwerk steigen. Der Glasschrank am Eingang, in dem sonst der Salat für das Kreativteam wächst, zeigt durch seine Leere den Erfolg der letzten Ernte. Direkt dahinter wartet die geordnete Wildnis aus Farben und Formen, mit konzentrierten Menschen vor großen Bildschirmen und einem Potpourri aus Leuchtenschirmen, Stühlen und Papierbögen voller Entwürfe, die die Welt nicht nur schöner machen sollen.

»Um das rein Schöne kann es nicht gehen. Wenn etwas nur gefällt, ist es am Ende schlicht gefällig.«

»Schönheit und Ästhetik… schwierige Worte«, beginnt Aisslinger. Schönheit besäße in der Regel kein Überraschungsmoment, weil das Schöne oft das Vertraute sei. Im Alltag würde der Begriff der Ästhetik dem meist gleichgesetzt. Doch für die daraus resultierende Gefälligkeit ist Aisslinger nicht zu haben — viel mehr sei es seine Ambition, auch Zukunftsweisendes zu schaffen. Bei seinen Kreationen für Leuchten, Uhren oder ganze Hotel-Interiors legt er Wert darauf, dem Produkt eine Persönlichkeit zu geben, indem er dazu eine Geschichte erzählt. Gutes Design nämlich, führt er aus, entsteht dann, wenn der Nutzer sich daran erfreut: Dazu braucht es Qualität, Funktion und eben einen Charakter, welcher die Brücke zu seiner Entstehungsgeschichte oder seinem Ursprungsort schlägt.

»Paradoxerweise wird Design in Deutschland oft als Baustein im industriellen Räderwerk betrachtet.«

Anspruch an Design und dessen Stellungswert innerhalb der Gesellschaft ist klar eine Frage regionaler Mentalität. In skandinavischen Ländern, in Italien oder den Niederlanden etwa gelten Designer als Kulturschaffende und sind Personen des öffentlichen Lebens. Design wird als Pfeiler der kulturellen Identität einer Nation gesehen. Im globalen Kontext dagegen, sagt Aisslinger, spiele Design in Deutschland eine eher durchschnittliche Rolle. Sobald man weiß, wie der Duden, Maßstab und Wächter der deutschen Sprache, den Begriff Design definiert, lässt sich erahnen, warum.

DESIGN, das: Substantiv, Neutrum — formgerechte und funktionale Gestaltgebung und daraus sich ergebende Form eines Gebrauchsgegenstandes o. Ä.

Dabei gibt es nur wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel die Automobilindustrie oder spezialisierte Manufakturen, deren Qualität aufgrund der Verbindung von technischer Leistung und ästhetischem Anspruch weltweit gefragt ist. Vielfach liege der Fokus der deutschen Industrie jedoch zunächst auf der Funktionalität, was Aisslinger mit der imaginären ersten Frage eines Herstellers veranschaulicht: »Ja … und wie reinigt man das?« Diese Frage mag zunächst plakativ oder amüsant klingen, doch bei genauer Betrachtung verwundert es wenig, dass Design in Deutschland oft einen Nebenschauplatz der Wertschöpfungskette darstellt. Ähnlich wie der Ingenieur oder der Techniker muss der Designer seinen Teil dazu beitragen, ein solides Produkt herzustellen. Schaut man auf Förderprogramme oder Kampagnen bezüglich deutschen Designs, sind deren Urheber häufiger die Wirtschaftsministerien als die Kulturverwaltungen. Einer der Gründe mag das fehlende Bewusstsein dafür sein, dass ein Produkt über seine reine Funktion hinaus auch anregen soll. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass bereits vor einhundert Jahren das Bauhaus das kulturelle Exportgut war, welches die Welt begeisterte.

»Ich habe nicht diese eine Idee — ich denke lieber in Collagen.«

In seinen Entwürfen sieht man sofort, dass Aisslingers Verständnis von Design weit über die reine Form hinausgeht. Ähnlich vielschichtig wie das Innenleben seines Studios verhält sich auch das Leben jedes Einzelnen. Die Biographie eines Individuums verläuft nicht linear, sie ist die Summe von Erfahrungen und Eindrücken, die uns auf dem Weg durch unseren Alltag, durch unser ganzes Leben begleiten. »Diese Collage muss sich im Design wiederfinden«, so Aisslinger.

»Ein universeller Stil bildet nicht die Vielschichtigkeit unserer Welt ab.«

← Werner Aisslinger in seinem Berliner Atelier

Wer Aisslingers Studio betritt, sieht sofort, dass die Kreationen des Designers eine starke Heterogenität aufweisen. Zwischen Minimalismus und buntem Materialmix stehen Aisslinger Entwürfe nicht für einen bestimmten Stil, sondern für bestimmte Atmosphären. Die Herausforderung für Designer bestehe darin, so Aisslinger, in den Alltagsgegenständen der Zukunft die Vielschichtigkeit und damit die Collage des Lebens abzubilden.

»Die Anerkennung in der Kulturszene ist für mich elementar.«

Diese Vielschichtigkeit weckt Werner Aisslingers Forschergeist. Abseits der Vorgaben, die der Wirtschaftskreislauf mit sich bringt, bietet sich mit Anfragen aus dem Kulturbereich eine Spielwiese für Experimente und Vielfalt. So ergab sich für Aisslinger beispielsweise die Möglichkeit, eine ortsspezifische Installation für die Paternoster-Halle der Pinakothek der Moderne zu kreieren. Ab November 2016 präsentierte er in München mit »House of Wonders« gut 10 Monate lang seine Ideen vom Leben und Wohnen in einer sich wandelnden Welt. Weil diese Zukunft immer mobiler scheint, landete im Garten des Museums dann auch folgerichtig einer der bekanntesten Entwürfe Aisslingers, der »Loft Cube«. Sein letzter Ausflug in die Museumslandschaft führte ihn Anfang 2019 in den Berliner Martin Gropius Bau. Mit »Incubator Island« schuf er eine Installation, welche das Verantwortungsbewusstsein des Menschen für sich selbst, seine Umwelt und dessen Zukunft skulptural erfahrbar machte.

Wie sieht es aus, unser Leben von morgen, in einer Welt, die auch stark von der fortschreitenden Digitalisierung geprägt ist? Design durchdringt alle Bereiche unseres Lebens und steht dabei im Dialog mit der Komplexität der Gesellschaft. Das reicht von den Vorstellungen des Wohnens bis hin zu Mobilitätskonzepten, die nachhaltig den Bedürfnissen nach kollektiven und individuellen Erfahrungen gerecht werden müssen. Von Materialtransfers bis zur ressourcenschonenden Produktion hat Aisslinger einiges ausprobiert. So entstanden Stühle, die aus wachsenden Pflanzen hervorgehen oder Küchen mit eigenem Ökokreislauf. In Forschungslaboren erblicken zudem immer mehr neue Materialien das Licht der Welt. Anschubmotoren sind hierbei vor allem die Biomedizin und die Automobilindustrie. Deren Neuerungen bergen ein großes Potenzial — auch für die Zweckentfremdung, die wiederum die Chance hat, für Alltagsgegenstände Normalität zu werden, wenn Hersteller anderer Disziplinen bereit sind, sich diesen Potenzialen zu öffnen.

 

»Ich fahre selbst sehr gerne — aber das autonome Fahren wird neue superinteressante Spielfelder aufmachen: Das Know-how von Interiordesignern, die aus dem Spatial Design oder der Möbeldesignwelt kommen und mehr mit Szenarios, Experience-Architektur oder Collagewelten arbeiten, könnte eine Symbiose mit der Automobilwelt eingehen.«

↑ Werner Aisslinger vor dem Oscar-Niemeyer-Haus im Hansaviertel. Mit seinen V-förmigen Stützen und der strukturierten Fassade war Oskar Niemeyers Wohnhochhaus eines der markantesten Bauten der Internationalen Bauausstellung 1957.

»Ich muss sagen, dass ich in meiner Generation extrem Auto-geprägt bin. Autos waren die Ikonen der Wirtschaftswunderzeit und als Kinder kannten wir alle Autotypen und spielten permanent mit Spielkarten Autoquartett.«

 

Dabei läuft das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Technik nicht immer reibungslos. Für Werner Aisslinger stellt genau dies den Reiz dar, es öffnen sich neue Perspektiven, deren Möglichkeiten es zu entdecken gilt. Das nicht Kontrollierbare folgt seinen eigenen Gesetzen und wirft somit direkte Bezüge zu Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit auf.

»Nachhaltigkeit bedeutet mehr als den Einsatz ökologischer Materialien. Die Dynamik unkonventioneller Wege mündet oft in überraschenden Lösungsansätzen.«

Für Werner Aisslingers Arbeit sind Antworten auf Fragen zum CO2-Footprint, zu Lieferketten oder intelligentem Materialtransfer entscheidend. Recht gibt ihm dabei das steigende Bedürfnis der Verbraucher nach Informationen über die Sozial- und Umweltstandards eines Produkts. Eine lange Lebensdauer eines Produktes oder Upcycling gebrauchter Gegenstände sieht Aisslinger als einen der Lösungsansätze, ein weiterer sei, sich aufmerksam in der Welt umzuschauen und hinter die Kulissen zu blicken; zum Beispiel beim tatsächlichen CO2-Footprint, der auch die Liefer — und Produktionskette umfasst. »Es nützt wenig, sich ein Auto mit geringem Kraftstoffverbrauch anzuschaffen, wenn nach zwei Jahren bereits ein neues her muss«, sagt Aisslinger, der einen Wagen Baujahr 1978 fährt. 

Für ihn ist es besonders spannend, wenn er das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam mit einem Hersteller voranbringt oder diesen von den Vorteilen nachhaltiger Produktion überzeugen kann. Hierbei stützt er sich auf seine Erfahrungen mit dem intelligenten Einsatz vorhandener Materialien und seine zahlreichen Experimente mit der unkonventionellen Nutzung von Werkstoffen. »Ökologische Ansätze werden konstitutiv für gutes Design«, so Aisslinger. Dafür bedarf es der wachsenden Bereitschaft, gewohnte Denkmuster zu verlassen. Im Bestfall stellt sich daraus auch ein finanzieller Erfolg ein.

»Entscheidend ist die emotionale Verbindung zwischen Produkt und Nutzer.«

Erfolg hängt von vielen Faktoren ab, dazu gehören auch Instinkt und das Vermögen zur Selbstvermarktung, weiß Aisslinger, der sich in seinem Team als Supervisor und Förderer von Potenzial und Kreativität versteht. Maßgeblich sei für ihn aber, dass der Designer in der Lage ist, Material und Erfahrungen so zu kombinieren, dass die entstandene Komposition es schafft, ein Lebensgefühl widerzuspiegeln. Erfolgreich am Markt bestehen werden jene Hersteller, die verstärkt auf den Wunsch nach Authentizität aber auch Selbstbestimmtheit eingehen. Innovative Technologien oder Exklusivität über den Preis allein werden künftig als Verkaufsargument nicht mehr reichen. Der fortschreitende Trend, ein ehrliches Produkt erwerben zu wollen, zeigt sich in der intensiven Auseinandersetzung großer Marken mit der Frage Wer will ich sein?

 


»Ein Produkt wird authentisch, wenn es eine Geschichte erzählt.«

 

Das Storytelling ist dabei ein wesentlicher Faktor — einer Ware liegen weder Inspiration noch Persönlichkeit zugrunde, einer Schöpfung schon. Kunst und Handwerk als Basis der Entstehungsgeschichte sollen ablesbar sein. Gutes Design zeigt seine Qualität letztlich darin, einzigartige Momente erfahren zu können. Die Herausforderung jeglicher Emotion ist es dabei, die Vielschichtigkeit eines Charakters zu durchdringen und seine Persönlichkeit zu berühren. Dann kann die Geschichte des Erfolgs erzählt werden, welche den Erfahrungen und der Dynamik entspricht, über die wir uns definieren. 

Wenn wir bereit sind, unsere Wahrnehmung zu öffnen, können wir in jenen Geschichten uns selbst entdecken.

 

 

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