Ein Gesamtbild hinterlassen

Peter Lindberghs »Untold Stories«-Werkschau

Peter Lindbergh, 2016 © Stefan Rappo

Text Thomas CLAUSEN

Mit »Untold Stories« wird im Düsseldorfer Kunstpalast momentan die erste Ausstellung gezeigt, die Peter Lindbergh eigenhändig bis kurz vor seinem Tod kuratierte. Heute vor einem Jahr traf Chapter-Autor Thomas Clausen den Fotografen zu einem seiner letzten Interviews.

Peter Lindbergh ist rastlos an diesem ungewöhnlich frühlingshaften Tag im Februar 2019. So wie immer. Seit Stunden schon eilt der Star-Fotograf, der von Geburt her eigentlich Peter Brodbeck heißt, von Termin zu Termin, bevor er am Abend im Rahmen der Berlinale zur Premiere von »Women’s Stories« lädt; einem Dokumentarfilm, den der französische Regisseur Jean Michel Vecchiet über den in Duisburg aufgewachsenen Workaholic gedreht hat. Peter Lindbergh ist, Peter Lindbergh war immer in Bewegung. Genauso wie viele seiner mittlerweile ikonischen Motive, die er seit Ende der 1970er Jahre für zahllose Magazine wie Vogue, Vanity Fair oder den berühmten Pirelli-Kalender verewigt hat. Eine getriebene Rastlosigkeit, die ihn auf seinen Shootings nicht selten rund um den Erdball schickte, wenn er nicht gerade in seinem Pariser Studio oder seinen Refugien im pulsierenden New York City und dem malerischen Arles in der südfranzösischen Camargue an künftigen Projekten arbeitete. Tokio. Los Angeles. Moskau.

Heute mal wieder Berlin. Lindbergh war ein Mann der Gegensätze. Einer, der den Bruch liebte zwischen Schönheit und im wahrsten Sinne ungeschminktem Realismus. Der nach der Essenz der Dinge strebte, statt sich mit einer flüchtigen Betrachtung zufrieden zu geben. Dem Darunter. Ein Medium, vor dessen Linse sich Orte und Menschen öffneten, um ihm ihre Geschichten zu offenbaren. Und so stellte sein ständiger Wille, unter die Oberfläche zu blicken, auch immer die Suche nach sich selbst dar. Eine Suche, die sich posthum in der Ausstellung und dem gleichnamigen Bildband „Untold Stories“ widerspiegelt: Der ersten Werkschau, die Peter Lindbergh selbst kuratiert hat und mit der er auch seine eigene, bisher unerzählte Geschichte weitergibt.

Zwei Jahre hat der 74-Jährige bis zu seinem Tod im September 2019 an der Präsentation gearbeitet, die 140 (bzw. 150 im Buch) größtenteils noch nie gezeigte Motive aus den frühen 1980er Jahren bis zu seinen letzten Werken vereint. »Untold Stories« ist keine simple Best-Of seiner berühmtesten Bilder, sondern ein eklektischer Querschnitt durch sein gesamtes Schaffen, bei dem sich seine ganz eigene Vision der Modefotografie mit intimen Momenten mit denen abwechselt, die ihm am nächsten standen: Uma Thurman, Naomi Campbell, Nicole Kidman und natürlich seinem Lieblingsmotiv Charlotte Rampling, die Lindbergh in den letzten Jahrzehnten immer wieder in seinem typischen Schwarzweiß festhielt. Thomas Clausen traf Peter Lindbergh im vergangenen Jahr zu einem seiner letzten Interviews.

Chapter Herr Lindbergh, genau betrachtet scheint die einzige Konstante in Ihrem Leben die ständige Suche zu sein!

Peter Lindbergh Das könnte stimmen. Wenn man nichts mehr im Leben sucht, dann bedeutet das den Tod. Jeder Künstler tut, was er tut, aus einer gewissen Selbstreflexion und einer gewissen Suche nach sich selbst heraus. Es sei denn, man arbeitet auf einem ganz niederen Niveau, das nichts mit einem selbst oder den Leuten zu tun hat. Oder man ist im Pointillismus tätig und macht nur Pünktchen.

Linda Evangelista, Michaela Bercu & Kirsten Owen, Pont-à-Mousson, 1988 © Peter Lindbergh

 

Chapter Haben Sie denn schon nennenswerte Ergebnisse in Sachen Selbsterkenntnis zu bieten?

Peter Lindbergh Ich schätze, ich bin momentan erst bei 2,5 Prozent. Und das ist für mich schon eine ganze Menge. Man weiß ja nie, wo der Weg aufhört.

Chapter In Ihrem Fall aber zumindest, wo der Weg anfing: Sie sind in den Ruinen des vom 2. Weltkrieg zerbombten Ruhrgebiets aufgewachsen. Keine allzu schöne Kulisse, die jedoch Ihren besonderen Sinn für Ästhetik geprägt hat…

Peter Lindbergh Es stimmt nicht, dass es dort nicht schön war. Man kannte ja nichts anderes; also war es dort schön. Richtig ist, dass mich riesige Fabrikhallen und industrielle Architektur bis heute beeindrucken. In Amerika gibt es noch diese alten Metallfabriken, die aber leider immer weniger werden. Das ist für mich ein schönerer Anblick, als die luxuriösesten Roben. Shiny und glossy interessiert mich nicht. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich nichts mit Glamour anfangen kann. Meine Antwort: Ich komme aus Duisburg. Wenn ich in Venice Beach aufgewachsen wäre, dann wäre meine Sinn für Ästhetik sicher ein anderer.

Chapter Die Handschrift des Duisburger Jungen lässt sich bis heute in Ihrem Werk erkennen.

Peter Lindbergh Ich habe das einfach verinnerlicht. Wenn ich heute Menschen auf eine roughe Art fotografiere, werde ich gefragt, ob ich schon mal etwas von Make-Up gehört hätte. Aber ich bin nicht an Dekoration oder oberflächlicher Schönheit im Sinne von gleichmäßigen Formen und tollen Körpern interessiert. Das ist für mich das Ödeste der Welt. In einer Fabrikhalle gibt es keine Dekoration. Alles hat seinen Sinn und Zweck. Glamour ist in meinen Augen etwas, das gar nicht existiert. Man muss ihn künstlich erzeugen.

 

Tao Okamoto, New York, 2016 © Peter Lindbergh

 

Chapter Entstehen Ihre Fotos mit der konkreten Vorgabe, betont unglamourös zu wirken?

Peter Lindbergh Wenn ich etwas machen muss, das trotzdem einen gewissen Glamour hat, dann ist es immer ein etwas anderer Glamour. Alternative Glam, sozusagen. Das erfordert sicher eine gewisse Haltung. Momentan gibt es enorm viele Jungfotografen, die alle Mode und die Vogue toll finden. Wenn man wie ich, dreißig Jahre die Simplicity feiert, kann man nicht plötzlich nach dem ultimativen Glamour schreien. Wenn man in seiner eigenen Kreativität an einen bestimmten Punkt gekommen ist, ist man für die reine Modefotografie in gewissen Fällen weniger geeignet.

Chapter Mit jedem Foto verewigen Sie sich auch selbst. Wie schaut denn dieser Selbstfindungsprozess genau aus?

Peter Lindbergh Viele Entscheidungen tragen dazu bei, mir bestimmte Dinge über mich vor Augen zu führen. Ich sehe dann oft, dass ich in meinem Empfinden und meinem Sinn für Ästhetik immer noch in Richtung Duisburg tendiere, und nicht plötzlich Fan der Luxusläden auf der Düsseldorfer Königsallee oder wie heißt es hier in Berlin… des Ku’damms geworden bin. Wenn es zu luxuriös wird, dann stimmt etwas nicht mit mir.

 

Claudia Schiffer, Santa Monica, 1997 © Peter Lindbergh

 

Chapter Auf Ihrem Instagram-Profil findet sich nur ein einziges Selfie. Sind Sie eitel?

Peter Lindbergh Irgendwie schon. Aber nicht, was diese klassische Eitelkeit angeht. Ich würde mich nicht in eine Hose zwängen, in der man sich nicht hinsetzen kann, weil sie im Stehen besser aussieht. Andererseits möchte man auch irgendwie gesehen werden; da passt man sich schon ein wenig an. Ich habe gerade eine ganz gewöhnliche Khaki-Hose an. Alle werden sich wahrscheinlich aufregen, wenn ich darin später zur Premiere meines Films gehe. Aber naja. Das bin ich eben. Das Selfie liegt tatsächlich schon länger zurück. Die Leute haben mich immer gebeten, sie mehr über mich und mein Leben wissen zu lassen. Meine Antwort war immer: „Why should I tell you with whom I was eating last night? When I have dinner with Brad Pitt you want me to say: I was out with Brad Pitt for dinner! You know how that looks like? Like I`m an asshole. But I don`t wanna look like an asshole.“ Ich habe kein Interesse daran, wie ein Angeber zu wirken oder die Leute irgendwie beeindrucken zu wollen. Forget it.

Chapter Sie pendeln zwischen Paris, Arles und New York. Fühlen Sie sich in Duisburg noch heimisch?

Peter Lindbergh Wenn ich heute über die Rheinbrücke von Duisburg nach Rheinhausen fahre und in die Straße einbiege, in der wir früher gewohnt haben, da vibriert das Herzchen schon ein kleines bisschen. Es war eine Art Spielstraße, in der es sogar Bäume gab.

 

Karen Elson, New York, 2018 © Peter Lindbergh

 

Chapter Sind Ihre Fotos auch eine Art, mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen?

Peter Lindbergh Nein. Ich würde gerne vor dem Abkratzen ein verständliches Gesamtbild hinterlassen. So wie Caravaggio damals, der die Malerei mit seiner besonderen Inszenierung des Lichts revolutioniert hat. Das wäre schon schön. Die besten Fotografen sind nicht immer die Lautesten. Im Grunde bleiben nur die übrig, die wirklich etwas verändert haben: Avedon, Penn… dann muss man schon sehr suchen. Nur durch schöne Bilder alleine bleibt man nicht im Gedächtnis.

Chapter Fotografieren Sie deshalb keine Schönheit im klassischen Sinne, weil sie nicht von Dauer ist?

Peter Lindbergh Schönheit finde ich langweilig. Schöne Gesichter unter langen, blonden Haaren, große wohlgeformte Körper, aber vom Hirn her hat man das Gefühl, diese Person wäre gegen die Wand gelaufen. Da bleibt einfach nichts Schönes übrig. Schön ist, wenn man Charlotte Rampling anguckt. Damals und heute. Frauen, denen man ansieht, dass sie sich verwirklicht haben. Die vierzig oder fünfzig Jahre da sind und einfach sie selbst geworden sind. In diesem Moment lösen sich alle Kategorisierungen wie blond, brünette, groß, klein auf. Man sieht nur den interessanten Kern. Das ist schön.

 

 

 

Die Ausstellung „Peter Lindbergh: Untold Stories“ ist noch bis zum 01.06.2020 im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen. Der begleitende XL-Bildband ist im Kölner Taschen Verlag erschienen (ISBN 978-3-8365-7991-9).

 

 

 

TASCHEN
Peter Lindbergh. Untold Stories
Peter Lindbergh, Felix Krämer, Wim Wenders
Hardcover, 320 Seiten, € 60