Afterparty

Über die kulturellen Gepflogenheiten nach der Corona Krise

Gene Hackman und Roy Scheider in »The French Connection«, 1971

ESSAY ANNA SINOFZIK

Jimmy »Popeye« Doyle und Buddy »Cloudy« Russo warten im Auto vor dem Nachtclub Copacabana, um den vermeintlichen Gangster Salvatore Boca abzufangen. Die beiden Polizisten beobachten, wie die Gäste aus dem Club strömen. »Guck dir die Knutscherei an. Wenn das keine Grippewelle gibt«, sagt »Popeye« zu »Cloudy«, bevor der kleine Pulk Sich-Verabschiedender auseinanderdriftet, um sich langsam im Dunkel der New Yorker Nacht aufzulösen. 

Es ist sicher keine der bemerkenswertesten Szenen aus The French Connection, William Friedkins Neo-Noir Klassiker aus den frühen Siebzigerjahren, der vor ein paar Tagen im Fernsehen wiederholt wurde. Es ist auch keiner der besten Sprüche des schlagfertigen Detective Doyle. Trotzdem bleibe ich diesmal hier hängen und frage mich, anstatt der weiteren Handlung zu folgen: Ob all jene, die zu jung sind, um vor Corona ausgegangen zu sein – ein Journalist des Atlantic hat ihnen den Namen »Generation C« gegeben – Clubbesuche irgendwann auf eine ähnliche Art betrachten, wie wir den Ford Galaxie, in dem »Popeye« und »Cloudy« sitzen: Geil, aber praktisch und moralisch unmöglich?!? 

Steven Pinker, Psychologieprofessor in Harvard, hat sich kürzlich auf CNN zum auf unbestimmte Zeit ausgesetzten Ritual des Händeschüttelns geäußert. Sinngemäß sagt er: Wenn wir uns einmal angewöhnt haben, die menschliche Handfläche als Körperteil wahrzunehmen, an dem es von Krankheitserregern wimmelt, könnte es ganz schnell aus unserem Repertoire an Höflichkeitsgesten verschwinden. Kulturelle Gepflogenheiten folgen keinen klaren Regeln, sie entwickeln sich wie eine Graswurzelbewegung, erwachsen der gesellschaftlichen Praxis. 

Es gibt Dinge, die wir meinetwegen langfristig ad acta legen können, das Händeschütteln gehört genauso dazu wie der große Antipasti-Teller für alle. Aber wäre es nicht traurig, wenn der lange Schatten Ischgler Après-Ski Kaschemmen auf jedem noch so guten Tanzlokal läge? Wenn Clubs irgendwann als Orte gelten, an denen die Aerosole so dicht sind wie der Kunstnebel und symptomfreie, schwitzende spreader einander Tröpfcheninfektionen ins Ohr brüllen? Wenn wir später unseren Kindern erzählen: Damals, da haben wir uns gern mal in einen 8 Quadratmeter kleinen Laden namens Minibar gequetscht, der vor unserer Ankunft schon brechend voll war. Und die Kinder sagen: »Echt? Krass.« Oder schlimmer: »Igitt.«

Neben all den scheiternden Existenzen und unzulänglich ausgerüsteten Krankenhäusern mögen solche Gedanken unbedeutend klingen, vielleicht auch schwarzmalerisch. Die Maßnahmen des Bundesgesundheitsministeriums werden bereits gelockert, und obwohl Clubs zu den Läden gehören, die bis zuletzt locked down bleiben sollen, werden wir natürlich irgendwann wieder ausgehen können. Trotzdem hat man den Eindruck, an einer Schwelle zu stehen. Denn das Leben, das vor wenigen Wochen so selbstverständlich war, erscheint heute schon ziemlich weit weg. Wann und inwieweit es wiederkommt, kann keiner genau sagen. Mag sein, dass erste Anzeichen leichten Lagerkollers dazu führen, dass man Dinge verklärt; dass sie einem im Moment vor allem deswegen fehlen, weil sie verboten sind. Sonst war man ja auch mal eine Weile nicht aus, ohne wirklich viel zu vermissen. 

»Die Vergangenheit liegt dort hinten. Stehen wir einer uns völlig neuen Situation gegenüber, dann neigen wir dazu, uns an die Gegenstände, die Atmosphäre der jüngsten Vergangenheit zu klammern. Wir betrachten die Gegenwart im Rückspiegel. Wir schreiten rückwärts in die Zukunft.« Das schrieb Marshall McLuhan in den Sechzigerjahren, zu einer Zeit also, als der Ford Galaxie noch ein Neuwagen war. Wer in den Rückspiegel eines elektrobetriebenen Stadtteilautos blickt, mag dem Oldtimerfahrer ein Stück weit voraus sein. Aber wie der amerikanische Vorstädter, dem der McLuhan seinerzeit nachsagte, mental noch im Wilden Westen zu leben, leben auch wir heute in einer Art und Weise, die in vielerlei Hinsicht nicht zeitgemäß ist. Nämlich so, wie man sonst eher feiert: als wenn es kein Morgen gäbe. 

Wie immer mehr Wissenschaftler betonen, werden die Bedingungen für neuartige Viren und Krankheiten wie Covid-19 vor allem durch menschliches Verhalten und seine verheerenden ökologischen Auswirkungen geschaffen. Wenn wir so weiter machen, wie bisher, wird das zu der steigenden Frequenz an Pandemien führen, vor der so viele Experten warnen. Dann wird der Ausnahmezustand irgendwann vielleicht zur Normalität und die Frage nicht mehr die sein, wann wir wieder ausgehen dürfen, sondern ob es langfristig überhaupt noch verantwortbar sein wird, in Clubs (oder – je nach persönlicher Vorliebe – auf Volksfesten oder in Fußballstadien) zusammenzukommen. Vielleicht wird es für Großveranstaltungen aller Art bald ein generelles Vermummungsgebot geben. (Man stellt es sich schwierig vor, allein schon der Drinks wegen.) Könnte das gemeinschaftliche Feiern auf Dauer aus unserem Repertoire kultureller Aktivitäten verschwinden? Solche Fragen sind für das eine, große System vielleicht gerade nicht relevant. Für den ein oder anderen sind sie dennoch akuter / bedrohlicher / greifbarer, als Bilder von Lazarettschiffen und Massengräbern. 

Es ist gerade viel von den Potentialen der Krise die Rede, davon, wie dies der Zeitpunkt ist, den Raubbau an der Natur mitsamt dem Neoliberalismus zu überwinden und pragmatisch Lösungen zu erarbeiten. Es gibt gute Ansätze, viel Optimismus, auch einige gute Gründe dafür. Wichtigen Forschungsgebieten, wie dem noch recht jungen medizinischen Fachgebiet der »Planetary Health«, das sich mit den vielfältigen Zusammenhängen zwischen dem Klimawandel und der menschlichen Gesundheit befasst, könnte bald endlich die Aufmerksamkeit (und hoffentlich auch die Forschungsgelder) zukommen, die es verdient. Ein wichtiger Motor für die Veränderung, vielleicht sogar eine Voraussetzung dafür, dass die breite Masse bereit ist, sie nachhaltig mitzutragen – ist, sich immer wieder klar zu machen, was auf dem Spiel steht. Im Großen, aber vielleicht vor allem in den ganz alltäglichen Dingen, die das Leben lebenswert machen.

In The French Connection sagt Detective Buddy »Cloudy« Russo zu Federal Agent Bill Mulderig: Why don’t you stay home and save us all a lot of grief? (Nachdem ich bei der Fernsehausstrahlung den Faden verloren hatte, habe ich die DVD rausgekramt und im Original weitergeguckt, auf Deutsch sagt er wahrscheinlich sowas wie: »Warum ersparst du uns nicht den Ärger und bleibst zuhause?«) Die Vorstellung, dass wir in Zukunft womöglich häufiger zuhause bleiben müssen, dass wir langfristig mit einem gewissen Mindestmaß sozialer Distanz leben werden, um in zukünftigen Krisensituationen Schlimmeres abwenden zu können, geht selbst den Menschen nah, die die Krise sonst eher als persönliches Besinnlichkeitsritual zelebrieren. 

Das dumpfe Unbehagen, dass uns – auch kulturell – viel verloren gehen könnte, gehört genauso zu dieser Krise, wie das euphorisch-epochale Gefühl möglicher Weltverbesserung. Wahrscheinlich liegt ihr Potential gerade in dieser Ambivalenz.

Wie Walter Benjamin in seinem Passagen-Werk schreibt, ist »die Schwelle ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Worte ‚schwellen’…« Das Bild spiegelt nicht nur einen Gemütszustand, der heute scheinbar ständig zwischen Hoffnung und Niedergeschlagenheit hin und her schwappt, sondern auch die metaphorischen Wellen, in denen uns so ein Virus erwischt. Diese hier wird vieles zerstören – und womöglich zumindest ansatzweise das Umdenken bringen, das man sich erhofft. Man wünscht den Kids von Morgen einen bewohnbaren Planeten. Aber man wünscht ihnen doch auch, zu fünft in einen Kleinwagen gequetscht auf Festivals fahren zu können. Wobei sie bestimmt eher die Bahn oder das Flugtaxi nehmen. Schön wäre jedenfalls, wenn ihnen das von den Beastie Boys besungene right to parrrrrty sicher wäre und sie sorglos vom selben Jim Beam nippen könnten – oder was man als junger Mensch eben in Zukunft so trinkt.